Lesen Sie hier die Festrede zu „50 Jahre Dehnberg“ von Marcus Everding, Regisseur und Autor:
Liebe Dehnberger-Hof-Theaterer,
sehen Sie mir diese formlose Anrede nach, die zunächst nicht den gängigen Grußformeln am Beginn einer Festrede entspricht. Aber treffender lässt sich aus meiner Sicht, einem Neu-Dehnberger, die versammelte Bürgerschaft dieses Hauses nicht begrüßen. Denn ob Titel, Funktion oder Verdienst – dieses Bürgerecht am Dehnberger Hoftheater, diesem Kleinstaat im Teppich der deutschen Theater, ist uns allen verliehen worden, dieses bringt uns heute alle zusammen. Mit Sicherheit sind wir kein Nationaltheater, kein Staatstheater, kein Landestheater, kein Tourneetheater, sondern eben ein Hoftheater und das im herrlichsten Sinn einer Begriffsumdeutung: Kein Königshof, ein Hopfenbauernhof ist das Staatsgebiet der Dehnberger. Folglich sind wir alle Bürger und keine Untertanen. Was uns von so manch anderem Theater unterscheidet. Wir Profis können davon Arien, Duette, große Ensembles und Verdi-Chöre singen. Allerdings klingt Verdi harmonischer.
Ein Theater ohne Anekdoten – gibt es nicht. Gäbe es eines, wäre es kein Theater. Allein mir fallen schon so viele ein und mir wurde erst vor 10 Jahren das Bürgerrecht verliehen. Diese zu erzählen bleibt bei einem Anlass, wie dem heutigen nicht aus. Und dafür gibt es nach den Lobreden der Laudatores eben das, wie es so schön heißt, gesellige Beisammensein. Ich bin auskunftsfähig und auskunftsberechtigt. Prüfen Sie mich – dann.
Wie bei jedem Staatsgebilde kam vor der Gründung eine Utopie – das Vorstellen eines Ortes im Nichts, der zu finden war. In den Windungen des Riedelbauchschen Gehirns, irgendwo zwischen Bach und Händel, vielleicht Hans Sachs, schwebte diese Utopie eines neuen Theaterstaates herum. Und aus Utopos wurde der Topos Dehnberg, Hopfengehöft, Dehnberger Hoftheater. Diesen Weg muss ich Ihnen nicht nachmalen. Wer dies Bild aber gerne gezeigt bekäme, der Wunsch ist verständlich, der sei auf die gerade erwähnte Zusammenkunft nach den Lobreden verwiesen. Und ich weiß, auf wen ich zeigen muss, damit das Bild aus dem Fundus geholt wird. Ein Bild, dass die Meisten von uns in sich tragen, eine Form der schönen Einbildung. Ein ehemaliger Bundeskanzler mit Vorliebe für Menthol hat einmal gesagt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Mit Verlaub, Helmuth, das mag auf Koalitionen und Parteitage zutreffen, aber nicht auf uns Traumtänzer der Bühne.
„Vision stammt vom lateinischen Wort „vīsio“ (Sehen, Anblick, Erscheinung, geistige Vorstellung) ab, das wiederum auf dem Verb “vidēre” (sehen, wahrnehmen) beruht. Ursprünglich im Mittelalter eine religiöse Offenbarung, beschreibt der Begriff heute übernatürliche Erscheinungen, geistige Bilder, Trugbilder oder zukunftsorientierte Entwürfe.“
Ja, das ist aus dem Internet. Und ich war selber überrascht, wie sehr diese Definition auf uns Dehnberger, auf das Dehnberger Hoftheater zutrifft. Und was dem Ausländer, dem Bürger anderer Welten ein Trugbild, eine übernatürliche Erscheinung sein mag, das ist uns Elixier. All unsere Figuren, wie viele haben schon auf dieser Bühne gestanden, sind übernatürliche Erscheinungen, die hier sprachen, schrien, lebten, starben und für immer in den Decken dieses Hauses hängen, in der steinernen Wand stecken oder sich auf der Unterbühne eine Bleibe geschaffen haben. Sehen im eigentlichen Sinne können wir sie nicht, aber wenn Sie sich mit Erlaubnis des Hausmeisters Weiß einmal allein auf diese Bühne hier stellen und lauschen, sich Einbildungen gestatten, glauben Sie mir, da bekämen Sie so Einiges zu hören. Ach, einen Versuch ist es wert. Schließen Sie bitte alle die Augen! Öffnen Sie die Ohren!
Kleine Pause.
„Brassett, die Zeit läuft!“ „Das tut sie meistens, Sir!“
Kleine Pause.
Ich habe es Ihnen gesagt. Und viele hier wissen, wer das gerade gesagt hat. Was für ein passender Kommentar zu einem Festakt. Danke, Brasset, Du kannst Dich umziehen und den Champagner herrichten.
50 Jahre, ach Du liebe Muse Thespis, eine lange Zeit den Theaterkarren zu ziehen. Oper, Schauspiel, Liederabende, Kabarett, Lesungen, Kino, Bands, welches Genre hätte nicht auf dieser Bühne stattgefunden. Auf diesem Holzboden. Wie oft der goldgelbe Vorhang sich öffnete und schloss. Wer alles dahinter stand mit dem berühmt berüchtigten Lampenfieber. 50 Jahre. „Besonders aber lasst genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.“ Sagt der Theater – Direktor im Faust des alten Geheimrats. Hunderttausende kamen und bekamen genug zu sehen. Und um das zu erleben, was nur wir Theaterleute geben können: Die unmittelbare Begegnung des Menschen mit dem Menschen. Gespieltes Leben. Das Licht geht aus und wir verreisen in andere Welten, bekanntere und unbekanntere. Der erste Dehnberger Reiseveranstalter Riedelbauch hat uns das ermöglicht. Uns oben, Ihnen unten. Die Phantasie einer Utopie, eine Vision, sie ist gelandet, hat festgemacht in diesem beschaulichen Dorf, diesem kleinen Ort, dem vor 50 Jahren das ein oder andere zugetraut wurde – Dorffeste oder bessere Busverbindungen, ein zweites Gasthaus, eine Körnergut GmbH, Ferien auf dem Hopfenhof, die Eingemeindung nach Lauf, unangenehme Neubürger, Tempolimit – aber ganz bestimmt kein Theater. Und wenn, dann keines das 50 Jahre Erfolg haben würde. Mit Um – und Anbauten, Gastronomie, Parkplatz, Förderverein, Freunde, politischer Unterstützung, Gastspielen und Eigenproduktionen und immer wieder Menschen, die die Verantwortung für dieses Haus übernommen haben. Sie sitzen vor mir.
Ganz ehrlich, und ich weiß mit Namen soll man nicht spielen, gewiss nicht ironisch, aber Riedelbauch, Weiß und Schürmann, wenn das nicht nach einem Roman von Jean Paul klingt. Ich bitte alles Müllers, Meiers und Wagners im Raum um Entschuldigung, aber schon die Namen sind einen Einakter wert. Ach gleich drei. „Riedelbauch kauft einen Hopfenhof“. „Weiß bemalt die Bühne.“ „Frau Schürmann braucht ein Fahrrad.“ Texte dazu fallen mir jedenfalls ein.
„Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehen.“ Frei nach Goethe und Qualtinger lasse ich nun Taten folgen. Eine kleine Uraufführung, einen Sketch. In der Ankündigung hieß es über mich: Regisseur und Autor. Das haben Sie nun davon.
Und Goethe kam nie nach Dehnberg.
Zwei alte Mimen, sich mühsam schminkend.
Erster Wann warst Du das erstmal in Dehnberg?
Zweiter Hoftheater?
Erster Kennst Du noch eins?
Zweiter 1976.
Erster Da kannst Du nicht am Dehnberger Hoftheater gewesen sein.
Zweiter Doch. Ich hatte mich verfahren.
Erster Ah, wie Goethe.
Zweiter Der Goethe?
Erster Kennst Du noch einen?
Zweiter Nee, aber wie hätte sich denn der Goethe verfahren können?
Erster Der Kutscher.
Zweiter Kenn ich nicht.
Erster Goethes Kutscher.
Zweiter Ach ja, Autos gab’s noch nicht.
Erster Genau.
Zweiter Und Goethes Kutscher hat sich nach Dehnberg verfahren?
Erster Eben nicht. Aber fast.
Zweiter Fast verfahren?
Erster Goethe kam von Italien.
Zweiter Da muss man über Dehnberg?
Erster Über Lauf. Muss man natürlich nicht. Aber wie gesagt, der hatte sich verfahren.
Zweiter Das is ja ein Ding.
Erster Radbruch noch dazu. Da stieg der Goethe aus und gab den denkwürdigen Spruch von sich: „Nun muss hier ich wohl laufen.“
Zweiter Witzig.
Erster Blickte in die Höhen und sprach: „Wie sich dort die Berge dehnen.“
Zweiter Klassisch.
Erster „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“
Zweiter Faust.
Erster Der Mann hat überall gedichtet. Dann ist er verschwunden. Für Stunden.
Zweiter Faust?
Erster Nee, der Dichter. Weiß keiner, wohin der von Lauf aus lief.
Zweiter Woher weißt Du das?
Erster Aus den Memoiren seines Kutschers. „Mit Goethe verfahren.“
Zweiter Goethe hätte man treffen müssen.
Erster Riedelbauch. Hieß der.
Zweiter Gibt’s nicht. Verwandt?
Erster Jedenfalls haben beide einen Bart.
Zweiter Der moderne Riedelbauch wollte mich mal als Tenor.
Erster Du bist gar kein Tenor.
Zweiter Fand der Riedelbauch auch. Kam dann ja auch erst später nach Dehnberg.
Erster Als Tenor?
Zweiter Zweiter Techniker.
Erster Jedenfalls sagte der Goethe zum Kutscher Riedelbauch: “Riedelbauch, findet er nicht auch, dass dort oben ein Hoftheater stehen sollte?“ Sagt der Riedelbauch zum Goethe:“ Wer soll sich denn hierhin verfahren?“ Goethe war beleidigt. Und fuhr nach Weimar.
Zweiter Mit Riedelbauch?
Erster Den hat er dagelassen.
Zweiter Dramatisch.
Erster Keine Kutsche, kein Goethe. Aber eine Geschichte. Mythos.
Zweiter Griechisch.
Kurzes Schweigen.
Zweiter Namen sind Schall und Rauch.
Erster Hab ich mir auch gedacht. Neulich.
Zweiter Neulich?
Erster Weiß und Schürmann haben mich engagiert.
Zweiter Du am Dehnberger Hoftheater? Als was?
Erster Überraschungseinlage zum 50. Geburtstag.
Zweiter Was gibst Du?
Erster Eine Ode.
Zweiter Ich könnte singen.
Erster Nein, das könntest Du nicht.
Zweiter Es wird etwas fehlen. Gut, lass die Ode hören!
Kurzes Schweigen. Der Erste Mime räuspert sich. Dann steht er auf. Deklamiert mit Effekt. Der Zweite Mime nimmt eine kritische Haltung ein.
Erster Ode an Dehnberg
Über Dehnbergs Gipfeln
ist Ruh.’
In allen Adern spürest
Du
der Musen Hauch.
Was Goethe einst fand im Walde.
Warte nur! Balde
findest‘ s du auch.
Kurzes Schweigen.
Zweiter Originell. Sehr modern.
Erster Findest Du? Goethe hat mich inspiriert.
Zweiter Ja, wie den Kutscher.
Kurzes Schweigen.
Ich könnte das „auch“ sprechen.
Erster Wie?
Zweiter So: Du – „warte nur balde, findest‘ s Du“ – dann ich: „Auch.“
Erster Ich schlag’ s der Schürmann vor. Die ist offen für so was.
Zweiter Sonst mach ich den Umbau. Zur Ode.
Erster Gut. Dann kann der Weiß auch mal zuschauen.
Zweiter Wollen wir‘ s nochmal üben?
Erster Das muss spontan kommen.
Zweiter Auch.
Erster Ja, so.
Stimme aus dem Lautsprecher:
Stimme Das ist das dritte Zeichen. Das ist das dritte Zeichen. Zum Beginn der Vorstellung „Tante Jutta aus Kalkutta, bitte die zwei Herren der Statisterie für den ersten Akt. Die Herren der Statisterie, bitte.
Das Licht geht langsam aus. Ende.
Liebe Dehnberger,
ich gratuliere dem Dehnberger Hof Theater zu seinem 50-jährigen Bestehen und danke
allen, die für sein Bestehen arbeiten, es unterstützen, auf ihm spielen und ich danke besonders Frau Schürmann und Herrn Weiß, dass ich Bürger dieses theatralischen Kleinods werden durfte und es leidenschaftlich gerne weiter sein werde. Ad multos Annos communis!
